Geh' auf's Ganze …

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von Veronika Schmidt-Lenzen

Konstanze (25), Erzieherin einer altersgemischten Kita-Gruppe stürmt aufgebracht in die Küche. In ihrem Beruf erzieht, betreut und fördert sie Kinder in einer kommunalen Kita. Sie verdient Brutto 2.526 € im Monat bzw. 14,91 € in der Stunde.[1]

„Ist Dir eigentlich klar, dass ich bis zur Rente in 42 Jahren 554.904 € weniger verdient haben werde als Du?“ faucht sie ihren Lebensgefährten Markus (25), Elektrotechniker an. Markus arbeitet an der Entwicklung und Konstruktion von Bauelementen und Schaltkreisen, an Softwareentwicklungen und der Herstellung von Mustern und Prototypen. Er verdient Brutto 3.627 € im Monat bzw. 21,98 € in der Stunde.[2]

Markus ist konzentriert mit der Herstellung absolut perfekter Bratkartoffeln beschäftigt und will eigentlich nicht gestört werden.

„Nun mach' mal halblang. Ich bin hier nicht der Schuldige“, entgegnet er. „Warte doch erstmal euer Streikergebnis ab“. Konstanze hat sich am Streik beteiligt und wird weiter für die Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst kämpfen.

„Alle sind angeblich auf unserer Seite“, ereifert sich Konstanze, „nur leider hat der Bürgermeister kein Geld, um uns angemessen zu bezahlen. Und die Eltern sind mittlerweile total genervt. Wir können doch nicht auch noch für die Kommunen die finanziellen Kastanien aus dem Feuer holen. Eine Beteiligung durch Bund und Länder muss möglich sein. Es reicht doch, wenn wir als Erste für die ´Frauenberufe` auf die Barrikaden gehen“. Vorsichtig schiebt Markus die Bratkartoffel-Pfanne zur Seite. Das hier könnte etwas länger dauern.

„Streiken ist o.k., ihr solltet den Bürgermeister aber noch von einer anderen Seite in die Zange nehmen“, überlegt er laut. „Aber wie???“ fragt Konstanze leicht verzweifelt. Markus kramt in seinem Gedächtnis. „Du hast mir doch mal erzählt, dass es so eine neue Methode gibt, genau nachzuweisen, ob und wie viel Frauen weniger verdienen und dadurch diskriminiert werden“.

„Ach, du meinst den EntgeltGleichheits-Check? Superidee, nur wie soll das aussehen, in einen Job in dem fast nur Frauen arbeiten?“ „Na dann sucht euch doch ein paar Techniker, die bei der Stadt arbeiten. Gibt es bestimmt. Dann dürfte ein Vergleich der Tätigkeiten und die Bewertung kein Problem mehr sein.“ Allmählich hellt sich Konstanzes Gesicht auf.

„Klar doch. Das ist eine Chance. Wenn die Tätigkeiten von Technikern und Erzieherinnen vergleichbar sind und wir Erzieherinnen werden schlechter bezahlt, dann ist das mittelbare Diskriminierung und die ist verboten! Der Bürgermeister ist dafür verantwortlich, dass in ´seinem Haus` nicht diskriminiert wird – auch nicht beim Entgelt. Wenn er nichts unternimmt, verklagen wir ihn!!! Auf jeden Fall ist das eine gute Möglichkeit aufzuzeigen, dass die Bezahlung des Frauenberufs ´Erzieherin` schlechter ist.“

Konstanze strahlt, gibt Markus einen Kuss und hat schon ihr Smartphone am Ohr. Es gibt so viel abzusprechen, vorzubereiten, zu organisieren zu planen…

Erleichtert wendet Markus sich wieder seinen Bratkartoffeln zu. Sehen gar nicht mal so übel aus - nobody is eben perfect.

Fußnoten

  1. Entgelttabelle für Beschäftigte im öffentlichen Dienst – Sozial- und Erziehungsdienst, S 6, (01.03.2014 bis 28.02.2015)
  2. Lohnspiegel: Was verdienen Technikerinnen und Techniker?

Informationen zur Autorin

- 47 Jahre berufstätig, davon 32 Jahre als Personalrätin

- Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte an der Universität Bielefeld

- jetzt: (gewerkschaftliche) Bildungsarbeit mit dem Schwerpunkt Gleichstellung & Genderkompetenz


Siehe auch Schwerpunktthema 2016: Berufe mit Zukunft